Erwartungen managen – vor allen Dingen, die an sich selber

Was erwarten wir eigentlich – von uns und von anderen? Was erwarten andere von uns? Was macht das mit uns, wenn Erwartungen an uns gestellt werden? Können wir alle Erwartungen erfüllen? Welche Erwartungen tun uns gut und welche sollten wir in Frage stellen? Wie können wir mit Erwartungen an uns umgehen, so dass Sie uns nicht belasten?

Wenn es um Erwartungen geht, dann fühlen sich manche Menschen bedroht, Spannung entsteht und gefühlsmäßig wird bereits die Flucht angetreten, weil mehr einfach nicht geht. Andere Menschen melden sich gleich um zu signalisieren, dass Sie nichts lieber täten, als diesen Erwartungen nachzukommen. Zu welcher Gruppe gehören Sie?

Erwartungen haben viel mit unseren Prägungen zu tun, weil sie auf Annahmen basieren. Hier ein paar Klassiker:

  • erwartet wird, dass man den Teller leer isst
  • erwartet wird, man sich die Hand gibt, wenn man sich begrüßt
  • erwartet wird, dass man das Eckzimmer mit Blick bekommt, wenn man befördert wird
  • erwartet wird, dass die Rechnung geteilt wird, wenn man in der Gruppe essen geht
  • erwartet wird, dass Mann der Frau den Vortritt lässt, wenn es um etwas Bekanntes geht
  • erwartet wird, man beim Essen nicht rülpst, die Hände auf dem Tisch lässt und gemeinsam anfängt
  • erwartet wird, dass der Mann der Frau den Heiratsantrag macht und dabei einen Verlobungsring für die Frau hat
  • erwartet wird, dass alles was der Chef erledigt haben möchte, auch erledigt werden muss
  • erwartet wird, dass man keine Gehaltsvorstellungen hat, die über dem liegen, was üblicherweise verlangt wird
  • erwartet wird, dass man wartet, bis dass man an der Reihe ist
  • erwartet wird, dass 45 Jahre arbeitet und dann in Rente geht
  • erwartet wird, dass man einmal heiratet und für immer zusammen bleibt
  • und so weiter

Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen verrate, dass die meisten dieser genannten Erwartungen in anderen Kulturräumen ganz anders sind. Beispielsweise bedeutet es in Japan, wenn man ein Eckzimmer bekommt, dass man nicht mehr im Zentrum der Macht ist. In vielen Ländern werden zu geringe Gehaltsvorstellungen mit einem geringen Selbstwert gleich gesetzt. Merken Sie was?

 

Viele unserer Erwartungen basieren auf lange Zeit antrainierte Muster

In der Kindheit und in der Jugend lernen wir “was sich gehört”. Wir werden dazu erzogen, ein Mitglied dieser Gesellschaft zu sein. Wenn man dann das erste Mal ins Ausland kommt und sich mit den Menschen dort austauscht, stellt man fest: “dort ist es ja ganz anders”. Zugegeben, sicher ist nicht alles anders. Aber darauf kommt es nicht an. Überhaupt festzustellen, dass die Dinge auch anders laufen können, dass das, was man gelernt hat nicht universelle Gültigkeit hat, ist eine Erfahrung, die für viele einen Wendepunkt bedeuten.

Es ist erfrischend und befreiend, wenn man plötzlich merkt, dass man viel mehr Freiraum hat, als ursprünglich angenommen.

 

Theoretisch können Sie alles hinterfragen – und praktisch auch

Viele der Erwartungen, die wir an uns stellen oder die an uns gestellt sind haben sicher eine Berechtigung. Aber es gibt auch viele Muster aus denen wir uns befreien können. Wenn Sie das einmal verinnerlicht haben, fangen Sie an sich darüber Gedanken zu machen, welche Erwartungen wirklich wichtig sind. Selbstverständlich führt es nicht dazu, dass man beliebter wird, wenn man plötzlich alle Erwartungen, die an einen gestellt werden, hinterfragt oder gar abwehrt. Trotzdem ist es wichtig, dass Sie für sich einstehen und nicht zum Opfer alter Muster werden. Das macht mürbe, raubt Energie und zerstört die Leidenschaft.

 

Weil wir unterschiedlich sind, können wir es auch sein

Letzthin war ich in den Bergen wandern. Es ging um 6 km bei 600m Höhenunterschied. Üblicherweise gehe ich diese Strecke sportlich an und freue mich, wenn ich immer weniger Zeit für diese Strecke brauche. Dieses Mal war es so, dass ich kurz vor dem Ziel am Gipfel überholt wurde – von einem über 70 Jahre alten Mann, der auch noch laufend an mir vorbei zog. Ich war deutlich beeindruckt. Kurz darauf trafen wir dann aufeinander und kamen ins Gespräch. Meiner Frage, ob er denn nun auch wieder hinunter laufen würde, beantwortete er mit: das ist ungesund, man solle besser 2 Mal hinauf laufen. Ich schluckte, musste ihm aber Recht geben. Also fragte ich weiter, wie oft er das denn mache. Er antwortete, dass er dies bereits seit vielen Jahren mache und bereits mehrere Laufveranstaltungen über diese Strecke mitgemacht habe. Seine Bestzeit läge bei 32 Min (meine liegt bei 40 Min und ich bin deutlich jünger). Aber der Mann schien irgendwie verärgert zu sein. Wie sich rausstellte war er nicht erfreut darüber, dass er seine Bestzeit nicht mehr halten konnte und langsamer wurde.

Warum erzähle ich das? Mir begegnen die unterschiedlichsten Menschen beim Bergwandern. Die einen gehen es gemächlich an, die anderen können nicht damit aufhören, sich selbst ständig zu überbieten. Wenn ich mich einer Gruppe anschließe, prüfe ich vorher, wie die Gruppe ist. Ich prüfe, ob meine Erwartungen, die ich an mich selber stelle, zur Gruppe passen. Und genau das ist es. Wir alle können akzeptieren, dass wir nicht überall dazu gehören. Wir dürfen auch anders sein. Das hindert uns nicht daran, uns inspirieren zu lassen. Wir haben auch volle Freiheit, was unsere Erwartungen angeht. Wir können diese senken oder steigern. Aber es ist in Ordnung, nicht überall mitzumachen.

Für mich war an diesem Tag klar, dass ich mich dem älteren Herrn nicht anschliessen würde, wenn er mit der Gondel nach unten fuhr, nur um noch einmal rauf zu laufen. Sicher, es fiel mir nicht leicht, mir einzugestehen, dass dieser Herr noch viel fitter war als ich. Aber letztlich kann ich damit leben, wenn ich mir das gleiche Ziel setze, nur nicht für heute.

 

Stress und Burnout sind nicht selten hausgemacht

Wenn wir ständig zu hohe Erwartungen an uns stellen, uns den Druck sozusagen selber machen, dann kann es sein, dass unser Kopf gar nicht mehr aus dem Hochleistungs-Programm heraus kommt. Irgendwann führt dies zur Erschöpfung, zum Leistungsabfall, zum Abfall der Konzentration und schließlich zum Motivationsverlust. Wenn unser Kopf ständig darüber grübelt, wie das, was wir uns vorgenommen haben, gehen kann, dann fehlt ihm die Gelassenheit, die es braucht um die Dinge leicht zu nehmen.

Sicher, es gibt eben auch jene Menschen, denen ständiger Ansporn gut tut. Zumindest scheint dies so zu sein. Aber wie viel schöner ist Gelassenheit und Leichtigkeit?

Ist Ihnen vielleicht auch schon einmal aufgefallen, dass Sie viel mehr erreichen, wenn Sie die Dinge mit Gelassenheit angehen? Kann es sein, dass Sie eher an Energie gewinnen, wenn Ihnen die Dinge mit Leichtigkeit von der Hand gehen? Wann haben Sie in Ihrem Leben das bessere Feedback bekommen, wenn Sie Höchstleistung gezeigt haben, oder wenn Sie mit Gelassenheit und Leichtigkeit etwas “gewuppt” haben?

Gelassenheit ist das Gegenteil von Stress. Leichtigkeit ist das Gegenteil von Burnout. Versuchen Sie es doch mal damit.

 

Nicht alles liegt in unserer Macht

Die Erfüllung von Erwartungen liegt mitunter nicht einmal in unserer Macht. Wir können den Strassenverkehr nicht schneller fließen lassen, die Verspätung des Fluges aufhalten, die Entscheidung des Kunden bestimmen oder das Verhalten anderer Menschen ändern. Das liegt nicht in unserer Macht. Was nicht in unserer Macht liegt, sollte deshalb auch nicht Teil unserer Erwartungen sein.

Ein Beispiel: wenn Sie einen Service-Job machen, bei dem Sie, als 50%en Gehaltsbestandteil, Provision auf eine verkauftes Produkt erhalten, wem obliegt dann die Macht über die Höhe Ihres Gehaltes. Können Sie als Service Mitarbeiter, der aber nicht zuständig ist für den Vertrieb, irgendwie den Umsatz beeinflussen? Sicher nur sehr gering. Der Umsatz ist hautpsächlich in den Händen des Vertriebs. In diesem Fall kommt es darauf an, ob das Produkt sich gut verkauft. Bei hohem Umsatz, erhalten Sie höhere Provisionen. Bei niedrigerem Umsatz, kommen Sie mitunter nicht einmal auf 100% Ihres Zielgehaltes.

Das Beispiel ist nicht aus der Luft gegriffen. Derartige Verträge gibt es häufig. Was deutlich wird, ist, dass der Vertragsnehmer, sich bewußt und freiwillig darauf einlässt. Er willigt ein, dass eine andere “Macht” über sein Gehalt bestimmt. Er ist damit einverstanden, dass möglicherweise die Erwartung an ein 100% Gehalt nicht erfüllt werden kann.

Fragen Sie sich doch mal, wie oft Sie bereit sind, zu akzeptieren, dass die Erfüllung Ihrer Erwartungen, gar nicht vollständig in Ihrer Macht liegt.

 

Managen Sie Ihre Erwartungen so, dass Sie zufrieden sein können.

Zufriedenheit hat entweder etwas mit Gelassenheit zu tun, oder mit Erfolg. Wer beides besitzt, kann sich glücklich schätzen. Wer keinen Erfolg hat, dies aber gelassen nimmt, wird damit klar kommen. Wer wenig gelassen ist, dafür aber viel Erfolg hat, der kann sich mit dem Erfolg sehr gut darüber hinweg täuschen, dass ihm Gelassenheit fehlt. Erfolg versüsst so einiges. Wer aber beides nicht hat, hat ein Problem.

Nun ist Erfolg zumeist nicht etwas, das wir völlig alleine bestimmen können. Ob wir gelassen sind, ist allerdings völlig in unserer Macht, notfalls kann man es lernen. Wenn wir also die Frage stellen, was die wichtigste Eigenschaft ist, um zufrieden die eigenen Erwartungen zu erfüllen, welche Antwort würden Sie dann geben?

Managen Sie Ihre Erwartungen so, dass Sie sich immer bewußt sind, was wirklich in Ihrer Macht liegt. Und was dann nicht geht, nehmen Sie bitte mit Gelassenheit.

 

Ich wünsche Ihnen viel Gelassenheit und Zufriedenheit

Ihr Achim Lelle

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