Welche Annahmen bestimmen Ihr Leben?

Geht es Ihnen auch so: Ihre Annahmen basieren nur auf einen Bruchteil der Informationen, die es insgesamt gibt. So wie der Eisberg, vom Schiff aus betrachtet, nur zu 1/7 seine vollständige Pracht preisgibt, so sind unsere Annahmen oft nur ein kleiner Teil der ganzen Wahrheit. Und wir wissen alle, was passiert, wenn man den nicht sichtbaren Teil des Eisbergs ignoriert.

Das Schiff unseres Lebens in den sicheren Hafen steuern, würden wir nur allzu gerne, aber ohne mit einem Eisberg oder ähnlichem konfrontiert zu werden. Doch so wie der Eisberg plötzlich auftauchen kann, so können auch neue Herausforderung in unserem Leben auf uns zu kommen – Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Unser Umfeld verändert sich ständig und wir sind ständig gefordert, uns anzupassen. In dieser Situation brauchen wir die Fähigkeit mit Veränderungen umzugehen. Manchmal können wir das ganz alleine, doch in vielen Fällen brauchen wir dabei Unterstützung. In einigen schwierigeren Situationen brauchen wir auch schon mal viel Zeit, weil die Veränderung bleibt oder zumindest länger dauert. Manchmal sind es aber auch wir selber, die die Veränderung anstoßen wollen. Ein neues Ziel, ein neuer Job, eine neue Beziehung oder einfach nur die Erkenntnis, dass es “so” nicht mehr weitergehen kann, reichen aus, um das Gefühl, dass eine gewaltige Veränderung bevorsteht, zu erzeugen. Wie gehen wir damit um?

Was brauchen wir um mit diesen Veränderungen umgehen zu können? Was brauchen wir um zuversichtlich Veränderungen anzugehen, von denen wir glauben, dass sie nötig sind – die uns wichtig sind und vielleicht sogar am Herzen liegen.

Um Veränderungen zu bewirken braucht es vor allem den festen Glauben an zwei Dinge:

  1. der Glaube daran, dass die Veränderung überhaupt möglich ist, in einem erwarteten Zeitraum und in der erwarteten Form, und
  2. der Glaube daran, dass man selber die Veränderung bewirken kann, also nicht machtlos ist.

Woher kommt aber dieser Glaube? Worauf basiert dieser Glaube? Wie gerechtfertigt und beständig ist dieser Glaube? Und was ist mit all den anderen Glaubenssätze, die wir in uns tragen?

 

Wie unsere Überzeugungen und Annahmen unser Leben bestimmen

Sie werden es bereits bemerkt haben: wie wir mit Veränderungen umgehen, hat sehr viel damit zu tun, wie wir geprägt sind, d.h. welche Neigungen wir haben, welche Annahmen uns leiten und welche Glaubenssätze unser Denken und Handeln bestimmen.  Was immer wir erreichen wollen, unsere Überzeugungen bilden den Rahmen in dem wir agieren werden. Sind diese Überzeugungen eng gesteckt, dann wird uns auch nur ein enger Spielraum gegeben sein. Sind unsere Überzeugungen derart, dass “alles möglich ist”, dann beflügelt uns dies, weil die Möglichkeiten schier unendlich erscheinen – das weckt Hoffnung und erlaubt viele neuen Perspektiven. Schon an diesem kleinen Beispiel wird deutlich, wie wirkungsvoll Glaubenssätze sein können.

Was sind diese Glaubenssätze, die unser Leben so beeinflussen? Glaubenssätze sind Überzeugungen, die – auf der Basis von Erfahrungen und daraus abgeleiteten Annahmen und Überzeugungen – Emotionen in uns anstoßen, die unterbewusst wiederum unsere Entscheidungsprozesse beeinflussen. Diese Glaubenssätze sind tief in unserem Bewusstsein verankert. Alles, was wir seit unserer Kindheit erlebt haben, hat zum Aufbau dieser Glaubenssätze beigetragen. Glaubenssätze wirken deshalb so mächtig, weil sie über Gefühle eine Reaktion auslösen, was zunächst keiner Überprüfung durch den Verstand unterliegt. Glaubenssätze stimmen einfach. Alles Gegenteilige wird versucht zu erklären und dabei häufig als Ausnahme deklariert.

 

Gaubenssätze und Wahrnehmung

Ein weiteres Bespiel, soll die Wirkung noch besser verdeutlichen.

Es ist Freitagnachmittag. Hannah M. und Florian B., ein Teamkollege, werden von ihrem Teamleiter Sebastian K. gebeten, ihn zu einem kurzfristig einberufenen Meeting in der obersten Chefetage zu begleiten. Es geht um ein Projekt, welches schon seit einiger Zeit aus dem Ruder läuft und zuviele Kosten produziert ohne die nötigen Ergebnisse zu liefern. Das Meeting findet in 30 Minuten statt. Beide werden gebeten sich entsprechend vorzubereiten. Während Florian B. alles andere liegen lässt und beginnt, die nötigen Unterlagen zusammen zu stellen, eine Präsentation zu aktualisieren und die neuesten Zahlen auszudrucken, geht Hannah M. auf die Terrasse der Geschäftsräume, zieht einen Spiegel und Lippenstift aus der Tasche und beginnt sich zurecht zu machen. Anschließend holt sie ein Getränk, setzt sich mit Blick in die Ferne an einen Tisch und macht Notizen. Als Sebastian K. erscheint und beide auffordert nun mit ihm zu gehen, nimmt Florian B. einen Berg von Unterlagen und gesellt sich zu Sebastian K., der immer noch in der Tür steht, während Hannah M. ihr Kleid glatt streift, ihren Notizblock nimmt und ein strahlendes Lächeln aufsetzt. Florian B. füllt die Wartezeit mit dem Satz: “Keine Ahnung was sie da macht, aber mit dem Projekt scheint das nichts zu tun zu haben.” Dann erscheint Hannah B. und alle drei gehen zum Aufzug.

Im Aufzug fragt Sebastian K. beide, ob sie sich gut vorbereitet haben und schaut zunächst Hannah M. an. Doch bevor Hannah M. etwas sagen kann, bemerkt Florian B.: “Ich habe alle Zahlen, die neuesten Ergebnisse und auch den aktualisierten Projektplan ausgedruckt. Denke wir sind damit gut aufgestellt.” Sebastian K. nickt anerkennend und schaut erneut mit erwartungsvoller Miene in Hannah B.´s Richtung. Sie entgegnet nur: “Die Zahlen und Fakten sind bekannt. Ich denke es geht hauptsächlich darum, ob uns die Chefin noch vertraut. Dazu habe ich einige Punkte notiert.”

Was ist geschehen? Was haben Sie während dieser Geschichte gespürt? Hatten Sie Fragen? Hatten Sie Annahmen über das Verhalten der beteiligten Personen? Was ging in Ihnen vor, während sie die Geschichte gelesen haben?  Konnten Sie die eine oder andere Überzeugung in Ihnen bemerken? Hätten Sie sich anders verhalten? Was wäre, wenn Sie wüssten, dass es sich bei dem Unternehmen um eine Modezeitschrift handelt und die Chefin und Hannah B. gute Freundinnen sind?  Würde das etwas ändern?

Glaubenssätze und Überzeugungen bestimmen nicht nur unser Denken und Handeln – sie filtern auch unsere Wahrnehmung!

  • Wenn wir beispielsweise davon überzeugt sind, dass es absolut unerlässlich ist, in einem Krisengespräch mit Fakten zu überzeugen, dann werden wir alle anderen Beiträge womöglich als “irrelevant” abtun und derjenige, der einen Fakten-freien Beitrag liefert, wird gedanklich als jemand abgespeichert für den Fakten nicht so wichtig sind.
  • Wenn wir davon überzeugt sind, dass Beziehungen wichtiger sind als Fakten, dann würden wir mitunter jeden der nur Fakten präsentiert als emotional unintelligent einstufen, als wenig einfühlsam, und ihn zukünftig nur dann hinzuziehen, wenn wirklich nur Fakten benötigt werden.

Woher kommt diese Reaktion?

 

Ihre Prägungen: Glaubenssätze – Überzeugungen – Annahmen

Wir Menschen haben Bedürfnisse. Damit diese Bedürfnisse erfüllt werden, sind wir bereit etwas zu tun und ggf. unser Verhalten zu verändern. Hauptsächlich geht es dabei um zwei Bedürfnisse: Freude vermehren und Leid verringern. Freude entsteht wenn wir Liebe erhalten, Lob, Zuneigung, Bestätigung, Dazugehörigkeit und dergleichen. Leid äussert sich in Verlust, Ablehnung, Erniedrigung, Ausgrenzung oder Schmerz jeglicher Art.

Seid unserer Geburt haben wir Reaktionen unserer Umwelt derart auf uns bezogen, dass wir unsere Freude maximieren und unser Leid verringern gelernt haben. Wenn wir im Alter von 2 Jahren Applaus für irgendetwas bekamen, strahlende Gesichter sahen oder eine wohltuende Umarmung bekamen, dann hat uns das gut getan und wir haben gelernt, dass das, was wir zuvor getan haben, zu genau diesem Ergebnis führte.

Allerdings sind menschliche Bedürfnisse auch ein Hebel, der durch andere ausgenutzt werden kann. Damit Ihr Vorgesetzter bekommt was er will, wird er mit Ihnen in einer bestimmten Weise – die er so gelernt hat – umgehen. Es kann sein, dass er Sie unter Druck setzt oder dass er Sie ansport, lobt und Mut macht, je nachdem welche Muster er verinnerlicht hat. Das gleiche geschieht in der Werbung. Je nachdem welche Annahmen eine Marketingabteilung über das Verhalten der potentiellen Kunden hat, wir sie die eine oder andere Maßnahme forcieren um den Kunden zum Kauf zu bewegen. Automobilhersteller setzen aktuell auf Ökologie. Lebensmittelhersteller setzen viel auf vegane, laktosefreie und biologisch angebaute Produkte. Banken setzen auf Digitalisierung. Es kommt in jedem Fall nur auf die zugrundeliegenden Überzeugungen an.

 

Die 4 Phasen der Prägung

Über was für Prägungen reden wir hier überhaupt? Dazu möchte ich 4 Kategorien vorschlagen: die Prägungen aus ihrer Kindheit, aus Ihrer Jugend, die aus den ersten Berufsjahren und die aus der Zeit in der Mitte Ihres Lebens … wenn Sie bereits eine Familie gegründet, ein Haus gebaut und Karriere gemacht haben, also kurz vor der Rente stehen. Der letzte Teil ist natürlich nicht ernst gemeint. Selbstverständlich sind das nicht die Attribute die darüber bestimmen, ob Sie in der Mitte Ihres Lebens stehen. Aber ich wollte eine Gelegenheit nutzen um einige typische Klischees (kollektive Annahmen) zu entlarven, die letztlich auch Prägungen durch unsere Gesellschaft darstellen.

 

 

Zwei der fundamentalsten Bedürfnisse sind die nach mehr Eigenverantwortung (oder Selbstbestimmung) und Selbstverwirklichung (oder Freiheit). Auf dem Weg dahin machen wir verschiedene Phasen durch, die von unterschiedlichen Einflüssen geprägt sind. In der Kindheit ist es hauptsächlich unsere Familie und die Kita bzw. die Grundschule, die uns prägt. In der Jugend verliert die Familie deutlich an Einfluss und unser soziales Umfeld bestimmt wie wir uns entwickeln. In der Aufbruch-Phase orientieren wir uns an dem, was Erfolg für den von uns gewählten Beruf bedeutet und versuchen mit anderen gleich zu ziehen oder gar besser zu sein. In der Mitte des Lebens haben wir unsere ersten abgeschlossenen Entwicklungen hinter uns, beispielsweise die Kinder, die bereits groß sind oder die berufliche Entwicklung zu einer bestimmten Position auf die wir lange hingearbeitet haben. In der Mitte des Lebens passiert aber noch etwas neues: wir orientieren uns immer mehr an dem was unsere Erfahrungen über uns selbst uns mitteilen.

Von Interaktion über Reaktion zu Aktion und Reflektion führt unser Weg aus der Kindheit bis hin in die Mitte des Lebens. In diesen Phasen lernen wir eine ganze Reihe von Verhaltensmustern die sich später als Prägungen (Glaubenssätze, Überzeugungen und Annahmen) wiederfinden.

Hier einige Beispiele (ohne Anspruch auf Gültigkeit):

 

Kindheit:
  • Du bekommst Zuneigung wenn Du artig bist
  • Wenn Mami traurig ist, bist Du daran schuld
  • Du wirst erst geliebt, wenn Du das erreichst was verlangt wird
  • Du kannst Dich auf Deine Eltern verlassen
  • Du darfst sein wie Du willst
Jugend:
  • Wenn Du die neuesten Sachen hast, bist Du beliebt
  • Wenn Du nicht auffällst, ist alles gut
  • Wenn Du anderst bist, wirst Du gemieden
  • Mit Geld geht alles leichter – ohne, geht gar nichts
  • Wenn das Mädchen Dich nicht anlächelt, dann hat sie kein Interesse an Dir
Aufbruch-Phase:
  • Wenn Du mehr arbeitest als nötig, wirst Du befördert
  • Wenn Du gut aussiehst, hast Du bessere Beziehungen
  • Wenn Du heute sparst, dann hast Du später mehr
  • Der Chef hat immer Recht
  • Wenn Du erfolgreich bist, wirst Du gefördert
Mitten im Leben:
  • Was ich vom Leben will, muss ich bis 65 erreicht haben
  • Wenn ich mich verändern will, verliere ich alles
  • Besser den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach
  • Wer zum Team gehören will, muss sich anpassen
  • In der Rente musst Du nicht mehr arbeiten

 

Diese Auswahl an Überzeugungen soll lediglich die Breite an Möglichkeiten zeigen. Wichtig ist es zu erkennen, das es bei diesen Prägungen kein richtig oder falsch gibt. Genauso wichtig ist es zu erkennen, dass Prägungen nicht absolut sind, sondern sich verändern oder gar anpassen.

  • Etwas, das wir in der Kindheit als gesichert angesehen haben, kann im späteren Leben zu einer enormen Herausforderung werden, wenn wir feststellen, dass diese vermeintliche Sicherheit gar nicht so sicher ist.
  • Einflüsse aus einer anderen Kultur – beispielsweise durch einen mehrjährigen Auslandsaufenthalt – deutliche Veränderungen bewirken. Nicht in jedem Land gelten die gleichen Regeln im Miteinander.
  • Die Sprache und Wortwahl kann die Bedeutung der Prägung immens beeinflussen. Jemand der sagt: “Warum muss Tee immer heiß sein?”, hat sowohl einen modalen Operator “muss” gewählt, der ihn einengt, als auch einen Global Unifier wie “immer”, was ebenfalls wenig Spielraum lässt. Eine andere Wortwahl wäre in jedem Fall hilfreich.

 

Welche Prägungen haben Sie?

Fragen Sie sich doch mal, welche Glaubenssätze, Überzeugungen und Annahmen Ihr Leben bestimmen. Die folgenden Fragen sollen Ihnen eine kleine Anleitung bieten und ein wenig Struktur geben. Letztlich geht es nicht nur darum, wie wir geprägt sind, sondern darum, was das Prägungen mit uns machen oder bereits gemacht hat.

  1. Was haben Sie in der Kindheit und in der Jugend an Verhaltensmuster gelernt?
  2. Welche Annahmen haben Sie bewegt, als Sie Ihren Beruf gewählt haben?
  3. Welche Überzeugungen haben Sie in Ihrem Berufsleben gewonnen, die Ihren Werdegang beeinflusst haben?
  4. Was haben Sie alles erreicht, weil Sie die richtigen Überzeugungen hatten?
  5. Woran haben Sie geglaubt, als Sie Ihre Ziele erreicht haben?
  6. Welche Glaubenssätze haben Ihre Beziehungen geprägt, das Miteinander, die Erwartungen und das was Sie gemeinsam erreicht haben?
  7. Was haben Sie alles nicht gemacht haben, obwohl Sie es gerne getan hätten, und welche Annahmen waren dabei im Spiel?
  8. Was möchten Sie heute gerne tun, was Sie aber nicht angehen, und welche Überzeugungen halten Sie zurück?
  9. Wovon sind Sie felsenfest überzeugt, dass Sie es auf jeden Fall schaffen können?
  10. Was glauben Sie, können Sie alles verändern, wenn Sie nur überzeugt genug sind?

 

Ich hoffe sehr, dass Ihnen diese Auseinandersetzung mit Ihren Prägungen einen guten Einblick gibt und hilft, sich selber besser zu beobachten, damit Sie weniger hilfreiche Glaubenssätze entlarven und positive Überzeugungen verstärken können.

Gerne stehe ich Ihnen für weitere Gespräche zur Verfügung.

Ihr Achim Lelle

 

Leave a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.